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Nils Holgerson Tour 1999 -
Eine Wintermotorradtour nach Mittelschweden  Wieder ist ein Jahr vorbei. In den Schnee nach Schweden fahren, das war der Entschluss den wir bei der letzten Februartour in Wales fassten. Elmar auf seiner XT 600, Rainer und ich auf dem GSX 1100 G/EML-Gespann. Die Motorräder werden winterfest gemacht, das Gespann bekommt neue Winterreifen (Fulda Kristall Gravito 165/70 R14), Lenkerstulpen und heizbare Handschuhe. Für den Beifahrer gibt es ein warmes Schafsfell. Ventile werden eingestellt, Zündkerzen und die Öle gewechselt. Die Enduro bekommt neue Reifen und Lenkerstulpen. Das war’s. Um dem schwedischen Salz vorzubeugen, werden die Motorräder mit allen erdenklichen Ölen und Fetten eingehüllt.
Diesmal wollen wir uns eine Campinghütte mieten, so das Zelt und die Campingausrüstung Zuhause bleiben können und wir mehr Platz für wichtigere Ausrüstungsgegenstände haben. Zum Beispiel ein klappbarer Schlitten, ein paar Handys (falls wir uns in den weiten Ebenen Schwedens verlieren sollten) und diversen Ersatzteilen, die selbstverständlich nie gebraucht werden.
1. Tag: Die Fahrt beginnt morgens in Duisburg. Über die Autobahn erreichen wir das 460 km entfernte Schwedenkai in Kiel. Die Göteborg-Fähre Gremanica wartet dort auf uns. Das Einchecken verläuft problemlos und das Vertäuen der Motorräder übernehmen wir lieber selber. Aufgrund der Erfahrung der letzten Englandreise, haben wir diesmal eine Kabine gemietet.
2. Tag: Mit dem Abend und Frühstücksbüffet wird die Überfahrt zu einer reinen Schlemmerorgie und wir erreichen am nächsten Morgen pünktlich um 9 Uhr Göteborg. Über das Schweden-Touristikbüro in Hamburg haben wir uns vor Beginn der Reise einen aktuellen Campingführer schicken lassen. Der von uns ausgesuchte Campingplatz Mösseberg liegt im 160 km entfernten Falköping. Schweden begrüßt uns mit einem nieseligen und warmen Morgen. In Falköping angekommen stellen wir fest, dass der Campingplatz geschlossen ist und kein Mensch weit und breit zu sehen ist. Elmar entdeckt einen kleinen Zettel mit einer Telefonnummer an der Rezeption. Dem Handy sei Dank, erreichen wir den Platzwart der uns eine halbe Stunde später eine Hütte aufschließt. Die Hütten sind perfekt eingerichtet. Heizung, eine komplett eingerichtete Küche, Bad und einen elektrischen Trocknerschrank mieten wir für ca. 20 DM pro Tag und Nase. Nachdem uns der Platzwart erzählt, dass es demnächst schneien wird, erhellen sich unsere Gesichter. Den Blick auf unsere Motorräder gerichtet schüttelt er den Kopf und lässt uns alleine. Mösseberg ist ein Campingplatz auf einem Skiberg (eigentlich ein Hügel), der neben einem Skilift und verschiedenen Loipen auch eine öffentliche und (sehr wichtig) kostenlose Sauna besitzt.
3. Tag: Morgens stehen wir zeitig auf und starten zu einer Tagestour durch den Tiveden-Nationalpark. Dieser Park ist mit kleinen Schotterpisten versehen und liegt genau zwischen den Vättern- und Vänernsee. Die ca. 60 km Landstraßen sind schnell geschafft. Bei Temperaturen um –5 Grad und klarem Himmel ist die Fahrerei ein Kinderspiel und nach einem Tankstopp in Karlsborg biegen wir in das Nationalparkgebiet ab. Der Nationalpark erweist sich als Geheimtipp. Einsame Schotterpisten durch Waldgebiete, vorbei an kleinen Gehöften, an Moor- und Seenlandschaften. Die Landschaft ist weiß mit Eis überzogen und die Seen sind dick zugefroren. Nach dem anfänglichen vorsichtigen Tapsen auf dem zugefrorenen See, rutschten wir bäuchlings wie die Robben und freuen uns über jede neue Rekordmarke in unserem Wettbewerb. In den nächsten 3 Stunden sehen wir niemanden und bei den immer schwieriger werdenden Pisten und den fallenden Temperaturen sind wir froh wieder eine geteerte Straße zu finden. Auf dem Rückweg überrascht uns der angekündigte Wintereinfall. Die Temperaturen fallen auf –18 Grad und ein Schneegestöber setzt ein. Rainer sieht im Beiwagen schon lange nichts mehr und Elmar fährt, schlingernd auf der XT, hinter mir her. Die Sichtverhältnisse und die Geschwindigkeit reduzieren sich aufs Minimalste. In Falköping angekommen, hört der Schneesturm auf. Das Gespann fährt souverän die Steigungen zum Mösseberg hinauf. Die Enduro gerät auf eine Eisplatte und nach unserem Schiebeeinsatz fährt Elmar locker zum Campingplatz. Den Tag beenden wir in der Sauna und fallen müde ins Bett.
4. Tag: Am nächsten Tag fahren wir zum Vätternsee, passieren Huskvarna und fahren weiter nach Gränna. Gränna ist ein kleines Bilderbuchstädtchen mit zwei Besonderheiten: Hier wurden die Zuckerstangen erfunden und es wimmelt im Ort nur so von Zuckerläden. Außerdem beherbergt Gränna das kleine, aber sehr empfehlenswerte S.A.Andree-Museum. Der Polarforscher Andree und seine Begleiter starteten vor rund 100 Jahren mit einem Ballon zum Nordpol. Sie mussten notlanden und zogen noch Wochen mit 540 kg Gepäck durchs Eis. Nach 33 Jahren fand man die Leichen, die komplette Ausrüstung sowie Tagebücher und Filmdokumente. Filme und Ausrüstung sind in dem kleinen Museum ausdrucksvoll dargestellt. Die Rückfahrt wird mit Einbruch der Dunkelheit ziemlich kalt. Für mich und meine heizbaren Handschuhe ist das kein Problem, aber Elmar muß wegen steifgefrorenen Fingern den Platz im Beiwagen mit Rainer tauschen. In dieser Nacht fallen die Temperaturen auf –21 Grad. In der Sauna tauen beide wieder auf und wir sind froh keine Polarforscher zu sein.
6. Tag: Nach einem Ruhetag mit Stadtrundgängen und abendlichen Schlittenfahrten durch den Wald, starten wir am nächsten Morgen nach Halle Hunne. Dieses Naturschutzgebiet soll das Elchreichste Waldgebiet in der Gegend sein. Wir sehen zwar keine Elche, dafür aber jede Menge Schnee. Wir beschließen die Enduro auf einem der Waldparkplätze stehen zu lassen und fahren grölend zu dritt weiter. Kein Fahrzeug weit und breit. Jede Menge Kilometer auf kleinen Pisten schlittern wir durch den Wald. Das Wetter zeigt sich von der sonnigsten Seite und die Winterreifen fressen sich durch den Schnee. Natürlich machen wir ein paar Wanderungen zu Fuß. Allerdings stellt sich heraus, dass wir besser Straßenkarten als Wanderwegweiser lesen können. Wir verlaufen uns und nach 2,5 Stunden finden wir tatsächlich das Gespann wieder. Die Elche waren wohl froh als wir Halle-Hunne wieder verließen. Rund um Falköping gibt es Vielzahl von Sehenswürdigkeiten.Verschiedene Hügelgräber, ein alter Flughafen, die älteste Pfahlkirche und direkt im Ort ein Motorradmuseum. Allerdings ist das Museum, wie viele andere Anziehungspunkte im Winter geschlossen. Aber unser Platzwart greift zum Telefon und siehe da, wir bekommen eine Privatführung von einem der Besitzer. Das „Lennart Magnusson Motorcykle Museum“ besitzt eine Menge Zweirad-Raritäten und so wird die Besichtigung zu einem deutsch-englisch-schwedischem Erfahrungsaustauschkauderwelsch. Als wir nach Stunden wieder zu den Motorrädern gehen, hält es der fröstelnde Museumsdirektor nicht mehr aus, verabschiedet sich und fährt mit seinem warmen Volvo davon. Spätestens jetzt wird uns klar, dass wir die einzigen Motorradfahrer in diesem Ort sind. Während der ganzen Reise sehen wir nur einen Militärkradfahrer, der mit Motorrad und Stützen aus Skiern an uns vorbei rauschte. Der nächste Ausflug über Skara, Mariestad und Lidköping führt uns an den Vänernsee und nach Kinnekulle. Bei sonnigen –8 Grad erleben wir eine Bilderbuchlandschaft in Weiß. An den Bäumen hängen Tausende von Eiskristallen und auf dem See schieben sich die Eisschollen übereinander, die dabei unheimliche Knarr- und Kratzgeräusche von sich geben. Da es in Schweden nur wenige Verbotsschilder gibt, lassen wir keinen Waldweg oder Schotterstraße aus. Wir finden ein verstecktes Waldschloss (das jetzt als Schule dient). Sowie die vielen kleinen Dörfern, die denen von Astrid Lindgrens Büchern sehr ähneln. Kinnekulle ist einer der klassischen Plateauberge, die man wunderbar befahren kann. Wie auch an den anderen Tagen zwingt uns die eintretende Dunkelheit zum Rückweg. 7. Tag: Leider ist unser Urlaub jetzt zu Ende und wir packen die Motorräder um abzureisen. Beide Motorräder haben sich perfekt bewährt. Die Kombination von heizbaren Handschuhen Lenkerstulpen, Thermokombi und ein Fell auf der Sitzbank haben mich nie frieren lassen. Die Winterreifen auf dem Gespann reichen in diesen Regionen vollkommen aus und die Enduro hatte mit den Stollenreifen auch keine Probleme. Aber während wir die Motorräder loben, springt die Enduro nicht mehr an. Eine Stunde probieren wir alles aus. Zerlegen Luftfilter und reinigen die Zündkerze. Ein defektes Batteriekabel reparieren wir, aber sie läuft nicht. Da wir von Schieben schweißgebadet sind, schleppe ich die XT mit dem Gespann an. Nach ein paar Metern läuft sie wieder! Die Rückfahrt nach Göteborg verläuft zwar unproblematisch, aber nicht das Einchecken. Ich habe auf dem Hafengelände mein Ticket verloren! Nach einigen Debatten stellt uns die nette Dame der Stena Line Ersatzpapiere aus und wir können an Bord. Die Orginalpapiere werden später gefunden und ich kann sie auf dem Schiff abholen. Von Kiel nach Duisburg fahren wir in Rekordzeit. Am AB-Kreuz Herne steigt Rainer mit auf die XT, denn die beiden wohnen in der Nähe von Düsseldorf. Zuhause angekommen gerate ich in den Karnevalszug unseres Stadtteiles. Die Menschenmenge und meine Familie jubelt als ich ankomme. Was für ein Empfang! Einer der angetrunkenen Karnevalisten bekommt mit, dass ich aus Schweden komme und fragt mich wie lange ich denn als gebürtiger Schwede in Deutschland bleiben möchte.
Bis zum nächsten Februar schmunzle ich, denn dann fahren wir nach Schottland!
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